Die 123fahrschule hat sich in wenigen Jahren von den ersten Fahrschulen in Köln und Recklinghausen zur nach eigenen Angaben größten Fahrschulkette Deutschlands im Pkw-Segment entwickelt. Ein wichtiger Baustein war die Übernahme etablierter Traditionsfahrschulen – etwa 2020 des Klasse-B-Standorts der Fahrschule Reinhold in Düsseldorf-Oberkassel, die dort fast 45 Jahre lang ausgebildet hatte, und zuvor der Düsseldorfer Fahrschule Das Fahrer-Werk mit mehreren Filialen.
Heute ist die 123fahrschule SE börsennotiert, betreibt laut Unternehmen mehr als 60 Standorte und setzt auf digitale Theorie, eigene Fahrsimulatoren und ein Partnernetz. Für Gründer ist die Geschichte interessant, weil sie zeigt, wie man einen zersplitterten, stark regulierten Traditionsmarkt mit Zukäufen und Digitalisierung aufrollt – und wo die Grenzen liegen.
Dieser Beitrag ordnet das Geschäftsmodell ein, fasst die aktuellen Zahlen (Stand Oktober 2026) zusammen und zeigt, welche Lehren sich für eigene Vorhaben ableiten lassen.
Was ist die 123fahrschule?
Gründer und Geschäftsführer ist Boris Polenske, der zuvor Klicktel mitgegründet hatte, das das Telefonbuch digitalisierte. Mit seiner Fahrschulkette übertrug er diesen Ansatz auf die Führerscheinausbildung: Anmeldung, Terminbuchung und Lernfortschritt laufen über eine eigene Software und App, während der praktische Unterricht wie gewohnt mit Fahrlehrern stattfindet.
Die Gruppe besteht laut Unternehmensangaben aus mehreren Gesellschaften:
- Eigene Fahrschulen mit angestellten Fahrlehrern in größeren Städten
- FahrerWerk GmbH für die Ausbildung neuer Fahrlehrer
- Foerst GmbH für Entwicklung und Vertrieb von Fahrsimulatoren
- ein Partnernetz aus kooperierenden Fahrschulen und selbstständigen Fahrlehrern
- ein Vergleichsangebot für Versicherungen und Fahrzeugfinanzierung nach bestandener Prüfung
Buy-and-Build: Wachstum durch Übernahmen
Der deutsche Fahrschulmarkt ist kleinteilig. Viele Inhaber sind älter und suchen eine Nachfolge, gleichzeitig fehlen Fahrlehrer. Das Unternehmen hat diese Situation genutzt und bestehende Schulen gekauft, statt jeden Standort neu aufzubauen. Die Übernahme in Düsseldorf-Oberkassel 2020 ist ein typisches Beispiel: Die Traditionsfahrschule brachte Standort, Bekanntheit und Fahrschüler mit, die neue Eigentümerin ihre Software, ihr zentrales Marketing und die Online-Buchung.
Dieses Muster nennt man Buy-and-Build oder Roll-up. Es funktioniert in Märkten mit vielen kleinen Anbietern, ähnlichen Prozessen und einer Nachfolgelücke. Neben Fahrschulen findet man es etwa bei Steuerkanzleien, Handwerksbetrieben oder Tierarztpraxen.
Vorteile und Risiken des Modells
| Vorteile | Risiken |
|---|---|
| Schneller Marktzugang mit bestehenden Kunden und Personal | Hoher Kapitalbedarf für Käufe und Integration |
| Skaleneffekte bei Marketing, Software und Verwaltung | Kulturkonflikte, Abwanderung von Schlüsselpersonal |
| Lösung für Inhaber ohne Nachfolger | Integration dauert länger als geplant |
| Marke lässt sich überregional aufbauen | Margen bleiben im personalintensiven Geschäft begrenzt |
Wer selbst über den Kauf eines bestehenden Unternehmens nachdenkt, findet im Beitrag Startup kaufen: worauf du achten solltest eine Checkliste für Prüfung und Verhandlung.
123fahrschule-Aktie: Zahlen und Entwicklung
Als börsennotierte SE veröffentlicht das Unternehmen regelmäßig Kennzahlen. Die wichtigsten aus den Unternehmensmitteilungen:
| Zeitraum | Umsatz | EBITDA |
|---|---|---|
| Geschäftsjahr 2024 | ca. 22,5 Mio. Euro | ca. 0,5 Mio. Euro |
| 1. Halbjahr 2025 | 12,9 Mio. Euro (+17 %) | ca. 1,0 Mio. Euro |
| 1. Quartal 2026 | 6,7 Mio. Euro (Vorjahr 6,6 Mio.) | 0,56 Mio. Euro (Vorjahr 0,67 Mio.) |
| 1. Halbjahr 2026 | ca. 13,0 Mio. Euro (Vorjahr 12,9 Mio.) | ca. 0,85 Mio. Euro (bereinigt ca. 1,1 Mio.) |
| Prognose 2026 | keine konkrete Umsatzspanne veröffentlicht | 1,5–2,5 Mio. Euro (im Juli 2026 bestätigt) |
Im Juni 2026 hat das Unternehmen einen Ausblick bis 2029 veröffentlicht, mit dem Ziel, den Umsatz deutlich zu steigern und von heute rund 1,5 auf etwa 10 Prozent Marktanteil zu wachsen. Das Unternehmen selbst bezeichnet diese Werte als zukunftsgerichtete Schätzungen ohne Gewähr. Für Anleger gilt: Die Aktie ist ein Nebenwert mit vergleichsweise geringer Marktkapitalisierung; Kursschwankungen können entsprechend groß sein. Dieser Artikel ist keine Anlageberatung.
Führerscheinreform 2027 als Wendepunkt
Lange war die Digitalisierung der Fahrausbildung durch Regeln begrenzt, etwa die Pflicht zum Präsenzunterricht in der Theorie. Das soll sich ändern: Das Bundeskabinett hat im Mai 2026 einen Gesetzentwurf zur Führerscheinreform beschlossen, der seitdem im Bundestag und Bundesrat beraten wird; Ende September 2026 fand dazu eine Anhörung im Verkehrsausschuss statt. Angestrebt ist ein Inkrafttreten zum 1. Januar 2027. Geplant sind laut Berichterstattung unter anderem:
- Wegfall der Präsenzpflicht im Theorieunterricht, mehr digitale Formate
- ein um rund ein Drittel verkleinerter Fragenkatalog
- flexiblere Sonderfahrten statt fester Mindestzahl
- Anrechnung von Simulatoren für bestimmte Inhalte
- Pflicht für Fahrschulen, Preise und Bestehensquoten online zu veröffentlichen
Ein Pkw-Führerschein kostet laut Bundesverkehrsministerium derzeit im Schnitt rund 3.400 Euro. Der Fahrlehrerverband kritisiert Teile der Reform. Für digital aufgestellte Anbieter wäre die Reform ein Rückenwind – vorausgesetzt, sie wird wie geplant beschlossen.
Was kostet ein Führerschein bei der 123fahrschule?
Die Preise hängen wie bei allen Fahrschulen vom Standort, von der Klasse und vor allem von der Zahl der benötigten Fahrstunden ab. Grundbetrag, Lernmaterial, Übungsstunden, Sonderfahrten und Prüfungsgebühren werden getrennt berechnet. Verlässliche Preise findest du auf der jeweiligen Standortseite – etwa für Hamburg, Berlin, Leipzig, Essen oder Duisburg. Fahrschüler verwalten Termine und Lernfortschritt über ihr Konto beziehungsweise den Login in App und Web.
So läuft die Integration einer Fahrschule
Am Beispiel der Düsseldorfer Übernahmen lässt sich nachvollziehen, wie die Integration typischerweise abläuft. Damals kündigte das Unternehmen an, die übernommenen Filialen auf die eigene Marke umzustellen und alle laufenden Fahrschüler in die eigene Software zu migrieren. Daraus ergibt sich ein Ablauf, der sich auf viele Zukäufe übertragen lässt:
- Übernahme von Standort und Team: Fahrlehrer, Fahrzeuge und Mietverträge gehen über, der Kundenstamm bleibt erhalten.
- Datenmigration: Fahrschüler, Ausbildungsstände und offene Termine werden in das zentrale System übertragen – datenschutzkonform und mit Information der Kunden.
- Rebranding: Schild, Website und Profile werden schrittweise auf die Dachmarke umgestellt.
- Zentralisierung: Marketing, Buchung, Abrechnung und Theorie laufen über die Zentrale, die Filiale konzentriert sich auf die praktische Ausbildung.
Der heikelste Punkt ist meist das Personal: Wenn erfahrene Fahrlehrer nach dem Inhaberwechsel gehen, verliert der Standort einen großen Teil seines Werts. Wer zukauft, sollte deshalb früh mit dem Team sprechen und Anreize zum Bleiben setzen. Grundsätzliche Überlegungen, ob ein konsequent digitaler Ansatz zu deinem Geschäft passt, findest du im Beitrag Ist Digital-First der richtige Schritt?
Lehren für Gründer
Unabhängig davon, wie sich die Aktie entwickelt, liefert das Unternehmen einige übertragbare Erkenntnisse:
- Traditionsmärkte bieten Chancen: Wo Prozesse analog sind und viele kleine Anbieter agieren, kann Software echte Effizienz bringen. Mehr zum Prinzip findest du im Beitrag über Disruption.
- Regulierung bestimmt das Tempo: Ein gutes digitales Produkt hilft wenig, wenn Vorschriften es ausbremsen. Plane politische Prozesse in deinen Zeitplan ein.
- Engpässe selbst lösen: Die eigene Fahrlehrerausbildung zeigt, wie man einen Fachkräftemangel in einen Wettbewerbsvorteil verwandeln kann.
- Wachstum kostet Kapital: Zukäufe, Software und Marketing führten trotz zweistelliger Millionenumsätze zeitweise zu Verlusten. Kalkuliere Finanzierungsbedarf realistisch. Hilfreich ist unser Ratgeber zum Thema Investoren finden.
- Partnernetz statt nur Filialen: Kooperations- oder Franchise-Modelle skalieren schneller als eigene Standorte. Worauf es dabei ankommt, erklärt der Beitrag Mit einem Franchise-Unternehmen gründen.
Häufige Fragen
Ist die 123fahrschule an der Börse notiert?
Ja, die Gesellschaft ist börsennotiert (ISIN DE000A2P4HL9) und veröffentlicht regelmäßig Geschäftszahlen und Ad-hoc-Mitteilungen.
Wie viele Standorte hat die 123fahrschule?
Laut Unternehmen mehr als 60 Standorte in Deutschland, mit Schwerpunkt in Nordrhein-Westfalen und weiteren Großstädten. Bis 2029 ist eine deutliche Ausweitung geplant.
Kann man bei der 123fahrschule die Theorie online lernen?
Die Prüfungsvorbereitung läuft per App. Ob der Theorieunterricht vollständig digital stattfinden darf, hängt von der Führerscheinreform ab, die ab 2027 gelten soll.
Wer hat die 123fahrschule gegründet?
Gründer und Geschäftsführer ist Boris Polenske. Er hatte zuvor Klicktel mitgegründet und bringt damit Erfahrung aus der Digitalisierung eines klassischen Geschäfts mit.
Fazit
Die 123fahrschule zeigt, wie ein Startup einen fragmentierten Traditionsmarkt mit Übernahmen, Software und eigener Fachkräfteausbildung umbaut. Die Übernahme der Fahrschule Reinhold war ein früher Baustein dieser Strategie. Ob die ambitionierten Ziele bis 2029 erreicht werden, hängt stark von der Führerscheinreform und der Profitabilität ab. Für Gründer bleibt die Lehre: Regulierte Nischen sind schwer zu erobern, bieten aber Chancen für alle, die Geduld, Kapital und ein klares Integrationsmodell mitbringen.
Quellen
- EQS-News: 123fahrschule SE, Q1 2026 (29.04.2026)
- 123fahrschule SE: Ausblick 2029 (Juni 2026, PDF)
- Unternehmensmitteilung zum ersten Halbjahr 2025
- EQS-News: Zahlen zum ersten Halbjahr 2026 (16.07.2026)
- beck-aktuell: Was plant die Regierung für künftige Autofahrer? (20.05.2026)
- Deutsche Handwerks Zeitung: Was sich beim Führerschein ab 2027 ändern soll
