Gründung & Recht

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SIRPLUS: Was Gründer vom Lebensmittelretter lernen können

Wie der Online-Supermarkt für gerettete Lebensmittel funktioniert, was nach der Insolvenz 2024 geschah und welche Lehren Impact-Gründer daraus ziehen können.

LH

Aktualisiert am 17.10.2026

Was passiert, wenn nachhaltige Ideen plötzlich Millionen Menschen erreichen?

SIRPLUS ist ein Berliner Online-Supermarkt für gerettete Lebensmittel: Er verkauft haltbare Produkte, die Hersteller und Großhändler nicht mehr regulär absetzen können, etwa wegen Überproduktion, kurzem oder überschrittenem Mindesthaltbarkeitsdatum oder veralteter Verpackung. Wer nach dem Shop sucht, will meist wissen, wie das Modell funktioniert, ob die Ware unbedenklich ist und wie das Unternehmen nach seiner Insolvenz dasteht.

Für Gründer ist die Geschichte aus einem anderen Grund spannend. Sie zeigt, wie ein Impact-Startup mit einer klaren Mission Reichweite aufbaut, an wirtschaftlichen Grenzen scheitert und mit einem schlankeren Modell neu startet. Wir ordnen das Geschäftsmodell ein und leiten Lehren für nachhaltige Gründungen ab.

Das Problem: Lebensmittelverschwendung in Zahlen

Laut Umweltbundesamt fielen in Deutschland 2023 entlang der gesamten Lebensmittelkette rund 10,9 Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle an, etwa 129 Kilogramm pro Kopf. Rund 58 Prozent davon entstehen in privaten Haushalten. Die Nationale Strategie zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung zielt darauf, die Abfälle bis 2030 in allen Sektoren zu halbieren. Auf EU-Ebene sollen die Pro-Kopf-Abfälle in Handel, Gastronomie und Haushalten bis Ende 2030 um 30 Prozent sinken.

Ein Teil der Verschwendung entsteht aber schon vorher: bei Herstellern und Großhändlern, die einwandfreie Ware nicht mehr in den regulären Handel bringen können. Genau dort setzt das Geschäftsmodell an.

So funktioniert SIRPLUS

Der Shop kauft überschüssige Lebensmittel und Drogerieartikel direkt bei Produzenten und Großhändlern ein und verschickt sie per Post. Kunden stellen ihren Einkauf selbst zusammen oder bestellen eine Box im Abo. Nach eigenen Angaben landen nur Produkte im Sortiment, die die Tafeln nicht benötigen; das Unternehmen sieht sich als Ergänzung zu deren Arbeit.

  • Sortiment: haltbare, verpackte Waren wie Nudeln, Müsli, Snacks, Getränke, Konserven und Drogerieartikel
  • Preis: Weil die Ware günstiger eingekauft wird, liegen viele Preise unter dem üblichen Handelsniveau.
  • Qualitätsprüfung: Laut Anbieter werden Verpackung, Geruch, Aussehen und Konsistenz geprüft, verkauft wird nur, was sicher ist.
  • Soziale Komponente: Pro Bestellung spendet das Unternehmen nach eigenen Angaben zwei Schulmahlzeiten an die Organisation Mary’s Meals.

Ist abgelaufene Ware unbedenklich?

Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist kein Verfallsdatum. Es garantiert lediglich, bis wann ein Produkt bei richtiger Lagerung seine Eigenschaften sicher behält. Viele Lebensmittel sind deutlich länger genießbar. Anders ist es beim Verbrauchsdatum, das etwa bei frischem Fleisch gilt; solche Produkte dürfen danach nicht mehr verkauft werden. Deshalb konzentriert sich das Modell auf haltbare Waren und verzichtet auf empfindliche Frischeprodukte.

Gründung, Insolvenz und Neustart

Gründer und heutiger Geschäftsführer ist Raphael Fellmer, der zuvor in der Foodsharing-Bewegung aktiv war. Das Startup betrieb zeitweise auch stationäre Rettermarkt-Filialen in Berlin und wuchs mit Investorengeld. Im Januar 2024 musste das Unternehmen Insolvenz anmelden. Im Mai 2024 berichtete die Lebensmittel Zeitung über den Neustart mit neuer Unternehmensstruktur und angepasstem Konzept. Laut Impressum betreibt heute die Lebensmittelretten ECOPLUS GmbH mit Sitz in Berlin den Shop.

Das neue Setup ist schlanker: reiner Onlinehandel, ausgelagerte Logistik über einen Fulfillment-Dienstleister und starke Einbindung der Community. Aktionen wie ein öffentlicher Weltrekordversuch im Nudelretten im September 2026 in Berlin sorgen für Aufmerksamkeit ohne große Werbebudgets.

Reichweite über Formate wie The Green Deal

Ein weiterer Baustein ist mediale Sichtbarkeit. Im Frühjahr 2026 trat das Unternehmen im YouTube-Format „The Green Deal“ auf, in dem nachhaltige Startups ihre Ideen präsentieren und statt klassischer Investoren Creator mit Reichweite als Unterstützer gewonnen werden können. Hintergründe zu dem Format liest du in unserem Beitrag The Green Deal bringt grüne Startups auf YouTube. Für Impact-Startups kann so ein Auftritt Bekanntheit bringen, die sich mit bezahlter Werbung kaum finanzieren ließe.

Für wen sich der Einkauf lohnt

Der Onlinekauf geretteter Lebensmittel passt nicht für jeden gleich gut. Wer täglich frisches Obst, Gemüse und Kühlware braucht, wird weiterhin im Supermarkt einkaufen. Interessant ist das Modell vor allem für Vorratskäufe: Grundnahrungsmittel, Snacks, Getränke oder Drogerieartikel, die ohnehin lange halten.

Vor einer Bestellung lohnt ein kurzer Vergleich. Rechne die Versandkosten auf den Warenkorb um, denn bei kleinen Bestellungen kann der Preisvorteil schnell schrumpfen. Achte außerdem auf das Datum: Ware mit knappem oder überschrittenem MHD solltest du zügig verbrauchen. Und weil das Sortiment von den Überschüssen der Lieferanten abhängt, ist nicht jedes Produkt dauerhaft verfügbar.

Auch für kleine Unternehmen kann der Einkauf bei SIRPLUS und ähnlichen Anbietern sinnvoll sein, etwa für Snacks und Getränke im Büro. Das senkt Kosten und lässt sich in der Nachhaltigkeitskommunikation gegenüber Mitarbeitenden glaubwürdig erwähnen, solange du keine übertriebenen Klimaversprechen daraus ableitest.

Was das Geschäftsmodell herausfordernd macht

Lebensmittelrettung klingt nach einer einfachen Idee, ist wirtschaftlich aber anspruchsvoll. Diese Faktoren sollten Gründer in ähnlichen Märkten kennen:

  • Unregelmäßige Beschaffung: Welche Ware verfügbar ist, hängt von den Überschüssen der Lieferanten ab. Das Sortiment wechselt ständig.
  • Niedrige Margen: Günstige Verkaufspreise lassen wenig Spielraum für Versand, Lager und Marketing.
  • Logistikkosten: Lebensmittel sind schwer und günstig, der Versand pro Paket fällt stark ins Gewicht.
  • Überzeugungsarbeit bei Herstellern: Manche Produzenten fürchten, dass günstig verkaufte Ware die eigene Marke schwächt.
  • Wettbewerb: Apps für übrig gebliebene Mahlzeiten, Discounter mit eigenen Rettungsaktionen und andere Onlinehändler buhlen um dieselben Kunden.

Dass auch größere Anbieter in diesem Segment Schwierigkeiten hatten, zeigt, wie wichtig ein knapp kalkuliertes Setup ist.

Lehren für nachhaltige Gründer

Aus dem Werdegang von SIRPLUS lassen sich mehrere Lehren für Impact-Startups ableiten:

  1. Mission und Wirtschaftlichkeit zusammen planen: Gute Absichten ersetzen keine tragfähige Kalkulation. Rechne Deckungsbeiträge pro Bestellung früh und ehrlich durch.
  2. Fixkosten niedrig halten: Filialen und eigenes Lager binden Kapital. Ausgelagerte Logistik und Remote-Teams machen ein Modell krisenfester.
  3. Community als Marketingkanal nutzen: Aktionen zum Mitmachen, Bildungsinhalte und Kooperationen bringen Reichweite, die zur Mission passt.
  4. Abhängigkeit von Investoren prüfen: Wachstum auf Pump funktioniert nur, solange Folgefinanzierungen kommen. Bootstrapping kann eine Alternative sein.
  5. Scheitern als Zwischenschritt begreifen: Eine Insolvenz kann der Ausgangspunkt für ein besseres Modell sein, wenn Marke und Community erhalten bleiben.

Wie du Haltung glaubwürdig kommunizierst, ohne in Greenwashing abzurutschen, zeigt unser Leitfaden zum Purpose Marketing. Weitere Beispiele für profitable Umweltgründungen findest du im Beitrag über Recycling-Startups.

Was du selbst gegen Verschwendung tun kannst

Weil der größte Teil der Abfälle im Haushalt entsteht, liegt dort auch der größte Hebel. Plane Einkäufe mit Liste, lagere Lebensmittel richtig, prüfe Produkte nach Ablauf des MHD mit den Sinnen und verwerte Reste. Gerettete Lebensmittel zu kaufen, ob online bei SIRPLUS, über Apps oder im Supermarktregal mit reduzierter Ware, ist ein zusätzlicher Beitrag. Auch Unternehmen können etwas tun, etwa bei Firmenevents, in der Kantine oder durch Kooperationen mit Rettungsinitiativen.

Häufige Fragen

Was ist SIRPLUS?

Ein Online-Supermarkt aus Berlin, der überschüssige, haltbare Lebensmittel und Drogerieartikel von Herstellern und Großhändlern verkauft und per Post verschickt. Betreiber ist laut Impressum die Lebensmittelretten ECOPLUS GmbH.

Gibt es den Shop nach der Insolvenz noch?

Ja. Nach der Insolvenz im Januar 2024 startete das Unternehmen im Mai 2024 mit neuer Struktur neu und nimmt seitdem wieder Bestellungen an.

Kann ich Lebensmittel nach Ablauf des MHD bedenkenlos essen?

Meist ja, wenn Verpackung, Aussehen, Geruch und Geschmack unauffällig sind. Das gilt nicht für Produkte mit Verbrauchsdatum, die danach nicht mehr verzehrt werden sollten.

Kann ich als Hersteller Überschüsse abgeben?

Ja, der Shop sucht nach eigenen Angaben Partner aus Produktion und Großhandel. Prüfe vorab, welche Waren angenommen werden und ob eine Spende an die Tafeln infrage kommt.

Fazit

SIRPLUS zeigt, dass Lebensmittelrettung als Geschäftsmodell funktionieren kann, aber nur mit schlanker Kostenstruktur, verlässlichen Lieferantenbeziehungen und einer Community, die mitzieht. Für Kunden ist der Shop eine Möglichkeit unter mehreren, Verschwendung zu verringern. Für Gründer ist der Weg von der Insolvenz zum Neustart ein lehrreiches Beispiel dafür, Mission und Wirtschaftlichkeit von Anfang an zusammen zu denken.

Quellen

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